Urlaubskolumne V: Lektüre

Endlich mal wieder Zeit zu lesen! In freudiger Erwartung meines Familie-Erholungs-Urlaubs (geht das in einem Wort ohne logische Brüche?) packte ich 5 dicke und 1 dünnes Buch ein: 3 dicke und ein dünnes Buch habe ich geschafft: Ja! Den Inhalt des dünnen Buches habe ich bereits im ersten Teil der Kolumne wiedergegeben. Die drei dicken Bücher stelle ich heute kurz vor.

Das erste habe ich zum Geburtstag geschenkt bekommen. Es handelt sich um das Buch “Marina” von Carl Luis Zafón, einen spanischen Schriftsteller, dessen Geschichten meist in Barcelona spielen, wobei er ein düsteres und geheimnisvolles Bild von Barcelona zeichnet. So auch in diesem Buch. Doch diese Wiederholung ist nicht langweilig, es ist mehr eine vertraute Wiederbegegnung, denn die Geschichte ist wirklich spannend. Es geht um Oscár, der auf eine Jesuitenschule geht und die gleichaltrige Marina kennen lernt, die mit ihrem Vater in einer zunächst verlassen erscheinenden Villa in Barcelona lebt. Gemeinsam begeben sich beide auf die Spuren einer Dame, die allmonatlich auf dem Friedhof eine rote Rose an einem Grab hinterlegt. Sie decken auf, dass der Mann, für den sie die Rose hinterlegt, ihr verstorbener Mann ist, der einst versuchte mittels mechanischer Erfindungen den Tod zu besiegen. Dazu bedient er sich eines Elexiers, das er aus einer Essenz des Schmetterlings namens Teufel gemacht ist. Ich muss hier automatisch an die Fliege-Essenz denken (die der TV-Pfarrer verkauft), nur dass das die böse Variante ist. Das klingt alles furchtbar kitschig, aber Zafón schafft es das nicht so rüberkommen zu lassen. Zumal er die Geschichte von Oscár und Marina geschickt mit der Geschichte um die dunklen Machenschaften verknüpft, die die beiden aufdecken. Denn auch Marina ist dem Tode geweiht und versucht dies zu leugnen. Fazit: es ist ein spannendes Buch, das sich gut liest. Zafón setzt sich wie immer mit der Technisierbarkeit und der Beherrschbarkeit von Leben und Tod auseinander. Implizit knüpft er das Ganze an biblische Themen (die wiederkehrenden Motive von Teufel, Dunkelheit versus Engelsgleichheit und Reinheit erinnern daran). Aber das Ganze wirkt nicht belehrend oder moralisierend, sondern ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben (und hier kann man wohl auch den Übersetzer loben).

Das zweite Buch, das ich gelesen habe ist “Die Erfindung des Lebens” von Hanns-Josef Ortheil. Dieses Buch, ich schicke es voraus, ist mein Highlight gewesen. In einer wunderbar fesselnden Sprache beschreibt der Autor den Weg seines Protagonisten Johannes Catt von einem stummen Jungen zu einem gefeierten Autoren – es ist also ein autobiographischer Roman. Im Rom der Gegenwart sitzt der schätzungsweise 50jährige Schriftsteller Johannes Catt und denkt über seine Kindheit in Köln und im Westerwald nach. Seine Mutter ist nach dem Tod von ihren vier älteren Kindern durch den zweiten Weltkrieg und tragische Unglücksfälle danach bereits verstummt als Johannes auf die Welt kommt. Auch er spricht nicht, obwohl er sehr gut hört. Im ersten Drittel erzählt der Autor wie Johannes das Nicht-Sprechen zunächst als normal empfindet, aber dennoch die musternden Blicke anderer (beim Einkaufen) und die Ausgrenzung (auf dem Spielplatz) spürt. Nur wenige behandeln ihn normal. Mit fünf Jahren entdeckt Johannes das Klavier als Möglichkeit der Kommunikation und beginnt umgehend mehrere Stunden am Tag zu üben. In der Schule jedoch eskaliert die Situation aufgrund seines Stummseins schließlich derart, dass der Vater ihn nach einigen Wochen herausnimmt, sich von seiner Arbeit beurlauben lässt und mit ihm zu seinen westerwälder Eltern fährt, wo er auf nachmittäglichen Wanderungen und Naturbeobachtungen versucht herauszufinden, wie mit Johannes zu kommunizieren sei. Schließlich lernt Johannes Schreiben und ganz allmählich auch sprechen. Auch seine Mutter gewinnt die Sprache wieder, Johannes geht wieder zur Schule und wird weiter musikalisch sehr gefördert. Im weiteren Verlauf erfährt man wie die musikalische Förderung immer mehr Raum in seinem Leben einnimmt und er schließlich als junger Mann nach Rom geht, um dort Musik zu studieren und wie er sich dann aufgrund von Sehnenscheidentzündungen entscheiden muss, das Klavierspiel aufzugeben und nach einem neuen Lebensweg sucht. Verknüpft ist diese Erzählung mit den Reflexionen des Schriftstellers in Rom über seinen Werdegang und einer sehr einfühlsam erzählten Romanze, die dieser Autor zu einer Nachbarin aufbaut, deren Tochter er Klavierunterricht gibt. Darüber gelangt er schließlich wieder die Möglichkeit, das Instrument selbst zu spielen. Das Buch hat mich nicht nur durch die sprachliche Schönheit sehr inspiriert und beeindruckt, sondern es ist auch spannend zu lesen und gut aufgemacht.

Ein krasser Abfall zu den Höhenflügen dieses Buches ist dagegen für mich das hochgefeierte “Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq gewesen. Auf der Umschlagsrückseite wird es von der ZEIT, der FAZ und der Süddeutschen hochgelobt. Loben die eigentlich alles, was schon mal Erfolg hatte? Die Kommentare der ZEIT und der Süddeutschen sind so kurz, dass man denkt, sie handeln im Auftrag der Boulevardpresse. Die FAZ rühmt das Buch als Gesellschaftsroman, nach dem Motto: endlich, endlich zeigt und Houellebecq mal wieder wie unanständig und böse alle sind und wie doch alles zerfällt und verfällt. Ich würde das Buch von daher eher als Dystopie einordnen: ein negativistisch gefärbtes Szenario der nahen Zukunft, in dem alle nur noch an sich denken, außer ein paar verklärten Leuten, die so etwas abartiges wie eine Familie gründen, alle auf käufliche Sexualpraktiken aus sind oder zumindest Frauen in die Kategorien der Käuflichkeit einordnen und die Chinesen heimlich die Welt übernehmen. Haaach Gottchen, denkt man da: der hat Probleme! Worum geht es: es geht um einen Künstler, der mit Porträtmalen seinen großen Durchbruch hat, schließlich auch Michel Houellebecq, den zurückgezogenen, empfindsamen Einzelgänger porträtiert, der dann (wahrscheinlich Zukunftsphantasie) bestialisch von einem Kunstsammler ermordet wird. Ach ja, der Hund von Houellebecq wird auch ermordet. Ich habe mehrere Bücher von Houellebecq gelesen, Elementarteilchen fand ich sogar gut, DAS ist vielleicht ein Gesellschaftsroman. In diesem Roman findet sich nur ein Abklatsch des analytischen Geistes wieder, den ich dort gefunden habe (die anderen Bücher fand ich nicht so berauschend, aber auch nicht so schlecht wie dieses hier). Es geht immer nur darum Verfall darzustellen, alles, was nicht rational ist, scheint als verkennende Illusion, ab und zu sind – fast wie Textbausteine – frauenverachtende pornographische Handlungen und Fantasien eingestreut. Ich war enttäuscht. Ich hatte gedacht: jetzt ist das Raumthema auch in der Literatur angekommen. Das ist ja ein Spezialthema von mir. Ich habe nicht mehr Raumthema entdeckt, als dass dieser Künstler Karten von Michelin abfotografiert. Vielleicht bin ich ja zu doof, das im übertragenen Sinn zu verstehen. Aber ich hatte auch nach der Lektüre keine Lust, mir dazu auch noch Gedanken zu machen.

3 Antworten zu „Urlaubskolumne V: Lektüre“

  1. OneBBO sagt:

    Der Artikel hat über 7000 Zeichen. Kein Wunder, dass ich irgendwann nicht mehr lesen wollte. Mir glaubt ja niemand, wenn ich immer sage: 5000 Zeichen ist das absolute Maximum, was der normale Blogleser verkraften mag ;-)

    Ich lese einen Blog zwischendurch, da will ich mich nicht 10 Minuten drin vertiefen müssen. Ich finde Blogs flüchtige Medien – vielleicht sehen andere das anders…

    Sorry :-)

  2. mialieh sagt:

    Zwingt einen ja keiner zu lesen

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