Urlaubskolume II: Die Toskana als Therapie

Angeregt von theomix’ Verweisen auf Robert Gernhardt, habe ich mir vor dem anstehenden Urlaub noch das Buch “Die Toskana-Therapie” bestellt. Es handelt sich um ein satirisches Bühnenstück über einen Akademischen Rat und seine Frau, die in dem Haus eines Freundes – seines Zeichens Paartherapeut – alljährlich Urlaub machen, weil sie Ruhe finden wollen. Ständig gehen sie sich jedoch selbst auf die Nerven, stört sie die landwirtschaftliche Arbeit in den Olivenhainen oder kommen Leute zu Besuch, die sie und ihre Beziehung auf die Probe stellen. Dieses Buch habe ich genussvoll in Viareggio am Strand gelesen, denn unser Feriendomizil war ebensfalls ein alter Bauernhof, auf dem ab und an landwirtschaftlich gearbeitet wurde, worüber sich die Urlaubsgäste dann gebührend aufregten, obwohl sie ja gerade die bäuerliche Beschaulichkeit gebucht hatten. Das, so stellt sich am Ende heraus, sei alles Teil einer therapeutischen Intervention gewesen, die die Paar-Probleme (man beachte das Wortspiel) hervorbringen und bearbeiten sollte.

Zu den therapeutischen Wirkungen unseres Toskana-Urlaubes ist auch einiges zu sagen: Wir hatten dieses Domizil mehr als Kompromiss gewählt: es lag in der Nähe des Badeortes Viareggio, sah aber auf Google Earth aus, als liege es auch ein bisschen in den Bergen. Statt dessen lag es in einem ehemaligen Sumpfgebiet (die Gegend um Viareggio wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts voll entsumpft, um sie touristisch zu erschließen – davor gab es zwar ein paar Mönche, die sich ansiedelten und davor ein paar Römer, die das schon mal versucht hatten, aber die Welle des gegenwärtigen Entsumpfens wurde eben erst im 19. Jahrhundert eingeleitet). Die Mücken sind anscheinend zwar fixe Flieger, aber auch Nixschnaller in Bezug auf die Tatsache dass es sich um ein ehemaliges Sumpfgebiet handelte. Ich stellte mir hier wichtige Fragen – nicht die nach geographischen Zeitaltern und biologischen Rhythmen, sondern die, warum noch niemand eine Kombination aus Sonnencreme und Authan erfunden hat. Authan mit Lichtschutzfaktor oder Sonnencreme mit Mückenschutzfaktor. Wobei ich ja schon ganz froh bin, dass es inzwischen nicht-fettende Sonnencreme gibt, da ich es nicht mag, paniert zu sein. Nach einigen Tagen erstanden wir neben zusätzlichen Authan-Vorräten auch eine Großpackung Systral und stritten uns darum, wer mehr Mückenstiche hat, wer am meisten unter den Stichen leidet (eindeutig MichaelA Jackson und ich, weil wir allergisch reagieren) und wer wann die Tube mit der Creme haben darf. Therapeutisch war also zunächst die Maßnahme der medizinischen Behandlung der Stiche.

Die Toskana wirkt aber auch in weiterer Hinsicht therapeutisch. Weder dem Interchalet-Katalog, noch Google Earth war nämlich zu entnehmen, dass das Dominzil sozusagen ‘verkehrsgünstig’ liegt. Und so waren wir denn auch kurz nach der Autobahn und der Durchfahrt durch zirka 27 Kreisel an unserem Domizil. Die Wohnung an sich war sehr schön, aber landschaftlich schön im Sinne eines Toskana-Erlebens, wie man sich das aufgrund vorgefertigerter Kategorien so verstellt, war es nicht wirklich. Aber liegt nicht auch gerade hierin Therapie? Dass man sich von seinen vorgefertigten Denkmustern entfernt und einen neuen Zugang zur Wirklichkeit (wasauchimmerdasist) erhält? Ja. Und so lebten wir glücklich auf der Bauernhof-Insel zwischen Autobahn und Industriegebiet.

Es war allerdings wirklich schön, denn bei dem Haus war ein Swimming-Pool und wir haben täglich frisch gekocht mit sehr vielen landestypischen Zutaten, wir haben viel unternommen, hatten Besuch von Freunden, haben viel gelesen und viele Gesellschaftsspiele gemacht. Gesellschaftsspiele sind ja auch so etwas wie Familientherapie. Und so kamen zwischen Yatzee (aka Kniffel), Lügen-Max und Ligretto doch familienwichtige Themen auf den Tisch, für die man ja im Alltag immer so wenig Zeit hat.

Und schließlich sieht man, wenn man in einer Ferienwohnung untergebracht ist, all die anderen Familien, die kommen und gehen und mit denen man nicht tauschen möchte, weil die Erwachsenen, die Kinder oder beide komisch sind (“Heinz-Peter, mach doch mal ein Foto”, “Mama, die Nöle hat mich nassgespritzt” usw.). Das ist überhaupt der beste therapeutische Effekt eines Urlaubs: man wird auf sich zurückgeworfen, weil man nicht sein will, wie die anderen!

Und es doch ist.

4 Antworten zu „Urlaubskolume II: Die Toskana als Therapie“

  1. OneBBO sagt:

    Ich hatte in meinem Urlaub auch einen Mückenstich. Mehr nicht. Also in der Hinsicht kann ich Nordrhein-Westfalen wirklich wärmstens empfehlen :-)

  2. mialieh sagt:

    Ja, aber da scheint auch weniger die Sonne. Und du weißt ja auch: die große Mückenplage wird erst noch kommen

  3. theomix sagt:

    Ich muss sehr bitten. Hinterher soll ich Schuld daran sein, dass in der Toskana Mücke fliegen. Ich weise alle Leserinnen und Leser darauf hin: ich bin über diese Reise nicht um Rat gefragt worden, noch habe ich davon vorher etwas erfahren.

    Man sollte auch nicht in die USA fliegen, nur weil Gernhardt ein so lustige Gedichte mit Paulus und Indianerstämmen geschrieben hat… (siehe http://de.wikiquote.org/wiki/Robert_Gernhardt)

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