Urlaubskolumne I: Verona

Mein Mann und ich waren vor 19 Jahren mit meinem Vater am Gardasee. Ich erinnere mich so genau daran, dass es vor 19 Jahren war, weil mir dauernd schlecht war, denn ich erwartete Barbiegirl. Eines Tages sagte mein Vater: “Lasst uns mal einen Ausflug nach Verona machen!” Obwohl ich am liebsten dauernd rumgelegen hätte und gar keinen Ausflug gemacht hätte, stimmte ich zu. Mich reizte damals besonders die Aussicht, eine Stunde im klimatisierten Auto zu sitzen. In Verona gingen die Männer voran zu Julias Balkon und zur Adice und zum Castello, immer ein flottes: “Komm schon Mialieh” auf den Lippen. Vor der Arena stand ein Kartenverkäufer. Mein Vater beschloss, dass wir in die abendliche Aufführung gehen. Dann kaufte er unglaublich viel Essen, was mir ein wenig peinlich war, denn ich dachte: wir gehen doch in die Oper und nicht zum Picknick.

Um Punkt sieben Uhr war Einlass und wir nahmen auf den Steinstufen Platz. Vor und hinter uns saßen Leute mit unglaublich viel Essen und dann aßen wir erst einmal, was ich schön fand, denn abends konnte ich immer gut essen (außer Überbackenes, das konnte ich nicht riechen, dann wurde mir schlecht, weshalb Brucelieh und mein Vater weder Pizza noch Lasagne essen durften). Wir gucken bei 28 Grad im Schatten La Bohéme, was im Winter spielt und genossen die Atmosphäre. Schon damals war für mich klar: das möchte ich noch mal machen.

Dann kamen Jahre, da waren die Kinder zu klein, um sie mit in die Oper zu nehmen, dann kamen Jahre da wollte ich nicht im Hochsommer nach Italien und schwupps waren 19 Jahre vorbei. Dann kam der letzte Winter und Barbiegirl lag uns in den Ohren: “Ich will sooo gerne nach Italien. Und guckt mal, wer weiß, wann ich noch mal mit euch fahre! Ich bin 18.” Ich bin 18 ist ein Totschlagargument. Der Vorteil für 18jährige ist in diesem Alter, dass sie sagen können: ich bin 18! Und dann sind alle elterlichen Ratschläge dahin. Oder sie können sagen: ich bin doch dein Kind! Und dann muss man doch als Eltern agieren… Langer Rede kurzer Sinn, ich stimmte zu, wünschte mir aber – die Kinder sind ja groß – einen Besuch der Arena in Verona.

Und so kam es dann auch. Wir fuhren eines freitags los und fanden uns am späten Nachmittag in Verona, um abends Nabucco von Verdi zu gucken. Noch am Nachmittag gingen wir zu Giulias Haus und auf den Markt und zur Adice, ein Teil der Familie schleppte sich herum, da der Klimawechsel vom regnerischen Deutschland ins sonnige Italien den Kreislauf belastete – die Remineszenz hatte also etwas sehr authentisches… Wir kauften belegte Brote und gekühlte Getränke und begaben uns um 19 Uhr in die Arena, wo wir auf den Steinstufen Platz nahmen. Ich bemerkte schnell, dass – obwohl ich damals schon ausgewachsen war – die Steinstufen irgendwie enger besetzt waren. Man musste gucken, dass man nicht die Füße der anderen Menschen im Genick hatte, wenn die anderen Menschen, die ein Stufe höher saßen, die Beine übereinander schlugen. Es gab wieder die Eis- und Getränke- und Librettoverkäufer, um 21 Uhr kamen wieder die Leute mit den teuren Plätzen in Abendgarderobe ins Parkett, um 21.15 ging das Spektakel los. Ich hatte vergessen, wie anstrengend es ist, auf Steinstufen zu sitzen. Mit tat mein Hintern ganz schön weh, ich konnte aber keine Polster mehr ausleihen, weil ich schon vorher gesagt hatte, dass das rausgeschmissenes Geld sei, wir seien doch alle gut gepolstert. “Ich nicht,” gab Barbiegirl an und durfte sich dann auf die Jacke ihres Vater setzen.

Der Kopf, den man im Vordergrund sieht, gehört übrigens weder George Clooney, noch dem norwegischen Kollegen von Brucelieh, wie dieser dauernd dachte.

Um 21.15 kam also das Orchester rein, alle entzündeten zuvor verteilte Kerzchen – ein alter Brauch, der darauf zurück geht, dass es, als die Arena im 19. Jahrhundert für den Opernbetrieb in Betrieb genommen wurde, noch keine Beleuchtungstechniker gab. Es war rührend! Die Musik war schön und ließ den schmerzenden Rücken vergessen. Beim Gefangenenchor setzte das Publikum gerührt, die Arena unter Wasser. Brucelieh und ich auch. Daraufhin war offensichtlich der Himmel gerührt und setzte die Arena auch unter Wasser. So wurde um 23.52 der vierte Akt abgesagt. Ehrlich gesagt, waren wir ganz froh, denn wir waren sehr müde.

 

 

3 Antworten zu „Urlaubskolumne I: Verona“

  1. erinnye sagt:

    Schöner Bericht. Ersetzt fast das Hinfahren…

  2. mialieh sagt:

    neiiin, das auf keinen Fall! :-) :-) :-)

  3. erinnye sagt:

    :-)

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