Frauen und Karriere

Neulich war ich auf einem Familienfest, ja genau auf dem, wo 435 Anstöße genommen werden, wenn man nur mit Sekt- oder sonstigen Getränkegläsern einmal mit jedem anstößt. Vor dem Anstoßen, kommt es zu Begrüßungshandlungen. 435 Mal wird begrüßt: “Hallo, schön dich zu sehen, herzlich willkommen, danke für die Einladung.” Das Übliche eben. Ich wurde dieses Jahr von einer Verwandten mit den Worten “Oioioi!” empfangen. Ich übersetze an dieser Stelle die Formel “Oioioi” für Leute, die nicht aus der Region Westerwald kommen: “Oioioi” steht für “Ich bin gerade überfordert und kann die Situation nicht einschätzen, aber du bist in der Pflicht, sie mir so zu erklären, dass sie im Rahmen des mir gegebenen Wertehorizontes nachvollziehbar erscheint”. Ich finde “Oioioi” ist eine angemessene Kurzformel, insbesondere dann, wenn über die Legitimität der Nachfrage Zweifel bestehen dürfen. Weiß man zum Beispiel nicht, ob man berechtigt ist, jemandem eine bestimmte Frage zu seiner Lebensführung zu stellen, dann kleidet man die Frage einfach in ein “oioioi” und der andere darf den damit entstehenden weiten Interpretationsspielraum nutzen.

Konkreten Anlass zum “oioioi” hatte ich meiner Verwandten wahrscheinlich dadurch gegeben, dass ich befördert worden bin und diese Beförderung ziemlich viele Reisen mit sich bringt. So sagte sie denn auch: “Mialieh. Die Beförderung. Oioioi!” “Oioioi” bittet aber nicht nur um Rechtfertigung, es stellt auch in Frage: “Ist das wirklich das Richtige?” Mit der Nennung meines Namens und dem Stichwort auf einen inhaltlichen Bezug sind dabei wichtige Hinweise genannt. Ich, eine Frau von 41 Jahren, Mutter von zwei Teenagern, bin befördert worden. Der Kontext, wie die Tatsache geben erst den Anlass für das “oioioi” und ich werde damit gebeten, mich rechtfertigend dazu zu verhalten. Nun hatte ich ja noch 29 weitere Begrüßungshandlungen auszuführen und habe das “oioioi” nicht ernst genommen. Mein Fehler! Ich hätte nicht nur “ja” sagen und mich wegdrehen sollen, vielleicht noch ein bisschen verwundert darüber warum nicht gesagt wurde “Mialieh. Die Beförderung. Herzlichen Glückwunsch!” Nein. Ich hätte innehalten und verweilen müssen.

Nun dachte ich aber: ich bin 41 Jahre alt, ich kann befördert werden, wann ich will. Und sagte deshalb ein deeskalatives “Jaaa!”, was mehr wie ein “Tja” klang. Das ist natürlich nicht nett. So kam es, dass mein Mann allseits bedauern erfuhr. Eine weitere Typik im Westerwald ist nämlich, dass immer schon vom Leiden der anderen gewusst wird, bevor die betroffene Person selbst davon weiß. “Brucelieh, du bist ein geduldiger Mann.” Brucelieh nickte. Ja, er sei in der Tat ein geduldiger Mann. Jetzt hätte es eine Rückwendung geben müssen, um die Dynamik aufzuhalten. Ich hätte eingreifen müssen und vielleicht “oioioi” schreien sollen, rufen, dass ich um Vergebung bitte und dass doch alles so komplex und kompliziert sei, aber ich deshalb kein Monster bin, das auf Kosten des Mannes karrieregeil durch die Welt jettet. Aber ich betrachtete die Situation nur und dachte: wahrscheinlich muss man die Zustimmung meines Mannes als subversiven Akt sehen. Subversion ist eine Haltung, die Subjekte einnehmen, wenn sie sich in Miniaturfiguren gegen die herrschende Ordnung stellen. Sie rufen keine Revolte aus, sondern verhalten sich minimal nonkonform. Und das hat ja Brucelieh auch gemacht. Er hat sich der Diskussion verweigert, indem er einfach allen zugestimmt hat.

Obwohl ich es ein bisschen ungerecht fand, dass er nicht einfach “nein, ich bin kein geduldiger Mann” gesagt hat. Aber wenn man das einfordert, dann meinen immer alle, dass man sich der Emanzipation nur bedient, wenn man sie braucht und ansonsten auf Ritterlichkeit setzt. Emanzipiert sein wollen, aber die Rechnung nicht selbst begleichen: nee, nee, nee, so geht das nicht! Wo kommen wir da hin? Oioioi. Und schließlich wirkte die Subversion unbemerkt weiter, denn meine Verwandte war nicht zufrieden gestellt: der Mann leidet nicht angemessen, die Frau rechtfertigt sich nicht? Was bleibt da noch? Die Kinder. “Kümmerst du dich überhaupt noch um die Kinder oder läufst du immer gleich weg.” Ich bin dann, in Einvernehmen mit Brucelieh, der mir geduldig (wie auch anders?) folgte  und meinen (armen) Kindern gegangen, um nicht zu sagen weggelaufen (wie das so meine Art ist). Zu Hause kam ich nicht umhin, die Situation als “blöde Begegnung” einzustufen und mit einzugestehen, dass ein Teil auch in die Kategorie “Eigene Blödheit, Nr. 3: Was ich alles hätte sagen können” fällt. Eine Spitzenfrage, die ich hätte stellen können war die: warum gilt eine Beförderung bei Frauen als Anlass zur Sorge, während sie bei Männern als Ausdruck der FÜR-Sorge (für die Familie und die Frau und den Hund und das Haus) gesehen wird? Und doch scheint mir ein subversiver Akt gelungen zu sein, denn ich habe mich verabschiedet. Und mit Robert Gernhardt weiß man ja, dass formvollendete Abschiede heißen, dass man wiederkommen wird. Und dass man sich nicht der Situation der störenden Anwesenheit entziehen wird. Was da wohl noch auf mich zukommt? Oioioi!

4 Antworten zu „Frauen und Karriere“

  1. OneBBO sagt:

    Bin ich aber froh, dass ich nun meinen Wortschatz um einen gepflegten Ausdruck erweitern kann. Wozu doch der Westerwald alles gut ist.
    (Und sag mal ehrlich, bist du jetzt wirklich ständig unterwegs? Da leidet doch die Familie, oder :twisted: :twisted: twisted: )

  2. mialieh sagt:

    Oioioi!

  3. Sylvia sagt:

    Glückwunsch zu den Reisen. Wenn da halt dann noch eine Beföderung dranhängt, kann man quasi nix machen. oioioider ? :grin:

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