Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben.
Sibylle Berg wird allgemein sehr gelobt. Sie ist so kritisch. So schonungslos. So messerscharf. Ich habe einmal ein Buch in einem Strandkorb in Holnis gefunden und es merkwürdig gefunden. Dann sah ich die merkwürdige Sibylle Berg bei Helge Schneider und Helge Schneider las aber zwei Absätze aus dem Buch vor, die mich ansprachen. Also habe ich das Buch als Urlaubslektüre mitgenommen. Zur Handlung:
Das Buch erzählt die Lebensgeschichte eines Menschen, der weder Mann noch Frau ist. Das führt nach der Geburt zu allerhand witzigen Verwicklungen, dann im Kinderheim der DDR zu schwierigen Situationen und später – in der BRD – immer wieder zu Ausgrenzungserfahrungen. Ins Visier geraten dabei vor allem die bürgerlichen Lebensentwürfe, die mit ihren neoliberalen Haltungen ja die Ausgrenzung erst hervorrufen. Dieser Mensch, der symbolischerweise Toto heißt (lateinisch: das Ganze), trägt den anderen nie etwas nach, hinterfragt nie ihre bösen Absichten, unterstellt ihnen immer Gutes. Dann kommt es zu einer verhängnisvollen Wiederbegegnung mit Kasimir aus dem DDR-Kinderheim. Im DDR-Kinderheim hatten sie eine beginnende Freundschaft, als herauskam, dass Toto ein Zwitter ist, brach Kasimir sie ab, später entpuppt er sich als Frauenverachter und eigentlich Toto-Verehrer, der jedoch nichts anderes im Sinn hat als diese(n) zu zerstören. Er geht eine Beziehung mit ihm ein, lebt – inzwischen beide über 50jährig – mit ihm/ihr zusammen in Paris und setzt ihn/sie schließlich an die Luft. Dann lebt Toto auf der Straße, am Schluss in einem Heim, nimmt eine Platte auf (ach ja, er/sie hat eine reine, unschuldige Stimme), stirbt.
Anfangs fand ich das Buch sehr nervig. Ich habe mehrfach erwogen, es nicht weiterzulesen, weil es immer so düster war, so blechtrommelig – alles war dreckig und eklig und stinkig und gemein. Als Toto dem Kinderheim und den Pflegeeltern entkommen war, da war das Buch stellenweise mal gut, da waren die seziererischen Blicke auf die Gesellschaft okay. Aber es ging immer weiter: zuerst die schlimme kalte, dreckige DDR, dann der böse, böse Kapitalismus, der nur Oberflächlichkeit und Egoismus, Ordnungsliebe und Geldgeilheit hervorbringt. Ja, dachte man da schon: schlimm, schlimm, schlimm. Aber es ging immer weiter. Der, der ihn verehrt, versucht ihn zu zerstören: Komplexitätssteigerung! schlimm, schlimm, schlimm. Organhandel: schlimm, schlimm, schlimm, Atomskandale: huiuiui. Und zum gar nicht kröndenden Abschluss wird dann noch in die Zukunft geblickt – will man das unter diesen Umständen?
Kurzum: wem es zu gut geht, der sollte unbedingt dieses Buch lesen. Alle anderen nicht. Dabei hab’ ich nicht mal was gegen Gesellschaftskritik. Aber ich finde es unerträglich, wenn Leute sich in ein Krähennest begeben und von oben drauf gucken, weil sie den Durchblick haben. Auch diese Leute sind Teil der Gesellschaft, von der sie meinen, dass sie über ihr stehen.